• Stadtansicht Bad Schmiedeberg
  • unsere Stadt
  • Über das Kirchturmuhrenstellen in der „guten alten Zeit“

Über das Kirchturmuhrenstellen in der „guten alten Zeit“

1930

Wie schwer war doch vor zirka 100 Jahren die Verwaltung eines Landes! Wie schwerfällig! So waren zum Beispiel 1818 mehr als 20 Schriftstücke verschiedener Behörden usw. nötig, weil die Schmiedeberger Stadtuhr eine reichliche halbe Stunde vorgehen sollte. Das war allerdings, wenn auch nicht ein weltbewegendes Ereignis, so doch für die damalige Zeit ein wichtiges.

Die Sache hat sich aber so zugetragen.

Das Wittenberger Postamt meldete unterm 26. Februar 1818 dem Königlichen Generalpostamt in Berlin, dass die Schmiedeberger Stadtuhr gegen die Wittenberger schon über 6 Monate lang mehr als eine halbe Stunde vorgehe. Dadurch kämen alle „Estaffetten, Extraposten und Courirs“ von Wittenberg aus in Schmiedeberg eine halbe Stunde zu spät an. Umgekehrt gewinnt natürlich das

„Postwärteramt Schmiedeberg“ dadurch stets eine halbe Stunde, wenn es selbst Extraposten usw. abzusenden hat. Das kann ein anständiger Beamter nicht auf sich sitzen lassen. Die Behörden behaupten, und auch der verantwortliche Uhrmacher Kühne bestätigte es, ihre Stadtuhr geht richtig. Dasselbe aber behaupten die Schmiedeberger Behörden von der ihrigen. Da alle Vorstellungen nichts genutzt haben, soll nun das Berliner Generalpostamt einschreiten. Der Inhalt dieses Schreibens zeigt, das noch verschiedene kleinere

Schreiben, die wir sonst nicht kennen, in dieser Angelegenheit ausgefertigt worden sind. Die hochwichtige Angelegenheit ging vom Generalpostamt Berlin an die Regierung zu Merseburg; die aber gab sie weiter an den Landrat des Wittenberger Kreises, den Herrn von Leipziger auf Kropstädt. Nach endgültiger Regelung wünscht

die Regierung einen Bericht darüber. Da braucht man sich über das viele Schreibwerk nicht zu wundern.

Nicht der bereits genannt Uhrmacher Kühn, sondern der Wittenberger

Mechanikus und Uhrmacher Köpke erhielt nun vom Landrat den Auftrag, durch eine mitgenommene Sonnenuhr und eine andere Uhr der Sache in Schmiedeberg auf den

Grund zu gehen; denn nur in Schmiedeberg konnte der Fehler liegen, da auch

Beschwerden aus anderen Orten über diese Stadt eingelaufen waren. Der Unterschied in der Zeit mußte groß sein, weil man zum Beispiel bei einem Gange von Schmiedeberg nach Pretzsch in letzterer Stadt zu derselben Zeit ankommen könne, in der man von ersterer abmarschiert sei. Binnen 8 Tagen sollte alles erledigt sein.

Der Landrat wollte nicht Kühn nach Schmiedeberg senden, weil dieser Mann auch die Wittenberger Uhren unter sich hatte und darum vielleicht von den Schmiedebergern als parteiisch abgelehnt werden könnte. Aber Köpke wies den Auftrag zurück; er sei nur Kleinuhrmacher, und die Reparatur von Turmuhren sei nicht sein Fach. Er schlug für die Angelegenheit den Wittenberger „Schlossermeister“ Kühn vor, der neben der Stadtuhr auch die Dorfuhren der Nachbarschaft beaufsichtigt. Und so bekam Kühn endlich am 29. April mit einer Legitimation doch den Auftrag.

Am 12. Juni beschwert sich der Wittenberger „Premier - Lieutenant und

Postmeister“ Schuster nochmals beim Landrat. Gestern war wieder eine „Estaffette“ um so und soviel falsch angekommen. Kühn wird am 20. Juni erneut aufgefordert, binnen 8 Tagen die Anordnung auszuführen. Auch soll der Postmeister ihn immer wieder mahnen, da er doch in Orte wohne und nicht außerhalb wie der Landrat.

Kühn schien aber wenig Lust zu haben. Schuster meldet dem Landrat unterm 25. Juni, dass Kühn angeblich keine Zeit habe, auch einen Vorschuß verlange.

Zugleich erbot sich der Postmeister als tüchtiger Geschäftsmann, den „p. Kühn“ für „2 Taler 16 Groschen inklusive Trinkgeld“ nach Schmiedeberg zu fahren; auch könnte dem Uhrmacher wohl ein Vorschuß von 1 Taler 8 Groschen gegeben werden.

Beiträge zur Geschichte der Stadt

10

Doch hatte der Landrat keinerlei Geldmittel für solche Zwecke und fragte darum beim Postmeister an, ob dieser als besonders Interessierter nicht den Betrag auslegen wolle. Der aber hatte wenig Lust dazu. Ein geharnischtes Schreiben ging am 29. Juni an Kühn, der Landrat drückte ihm sein „Mißfallen“ aus und forderte ihn bei 2 Taler Strafe auf, binnen 8 Tagen anzuzeigen, ob er überhaupt den Auftrag übernehmen wolle.

Daraufhin erschien - so heißt es in der Verhandlungsniederschrift - am 14. Juli 1818 „im landrätlichen Bureau (in Kropstädt) der Mechanikus Herr Kühn aus Wittenberg, 51 Jahre alt, und deponiert folgendes“:

„Ich bin am 6. huj. (dieses Monats) in Schmiedeberg eingetroffen, um mich des geschehenen Auftrags zu entledigen. Ich konnte aber an diesem und zweien der nächstfolgenden Tage daselbst keine Beobachtungen anstellen, weil der Himmel mit Wolken bedeckt, über dies aber auch keine Mittagslinie dort verzeichnet, ja nicht einmal eine Sonnenuhr vorzufinden war. Indessen wurde auf mein Anmelden seitens Magistrats zur Konstruierung eine Sonnenuhr an der Kirche, wo vordem eine solche verzeichnet gewesen war, Anstalt gemacht. Denn es schien mir dieselbe erforderlich, der mehreren Beweise wegen ohne achtet die mitgebrachte Probeuhr, auf die ich mich verlassen konnte, bestimmt nachwies, dass bei meiner Ankunft die Schmiedeberger Stadtuhr vor der Sonne Einundzwanzig Minuten zu früh ging. Um den Übelstand sofort zu entfernen, erkundigte ich mich nach demjenigen, der die Stadtuhr zu stellen hatte und verfügte mich zu ihm, konstruierte (soll heißen: instruierte) auch denselben wegen der großen Unrichtigkeit. Er entschuldigte sich aber: er könne nicht dafür, hätte nicht geglaubt, dass darauf etwas ankomme, sondern wenn der Herr Postkommissar Päßler zu ihm gekommen wäre und ihn der Uhr die oder jene Stellung zu geben angewiesen hätte, so hätte er geglaubt, hierinnen folgen zu müssen, da er überdies dem Manne viel zu verdanken habe. Ja selbst der Magistrat äußerte auf Befragen: Man hätte seitens der Obrigkeit darauf so streng nicht gehalten und es für einerlei gehalten, ob man in Schmiedeberg in allen Stücken etwas zeitiger lebe als anderswo.

Eben als ich beim Wärter der Uhr war, hatte ich kurz zuvor die Turmuhr nach meiner Probeuhr gestellt. Es dauerte nicht lange, so wurde mir gesagt, es sei schon jemand

  • Drucken: